….aufhören, weitermachen oder eine zweite Chance

Die deutsche „Tatort“-Landschaft ist erfreulicherweise sehr vielfältig. Die alten Hasen halten das deutsche Fernsehlagerfeuer am Leben, die neuen bringen hin und wieder Schwung in die Bude. Einige Teams leiden unter Burn-out, andere sollten lieber das tun, wovon sie etwas verstehen. Und wieder andere MÜSSEN weitermachen. So will es der Zuschauer. Hier sind einige Tatort-Teams knallhart, aber nicht representativ, bewertet. Soll es weitergehen oder nicht? Stop oder Go!

 

Tschiller in Hamburg 

Die „Tatort“-Allmachtsträume habe sich nicht erfüllt. Der zu Extra-Konditionen engagierte Mega-Star Til Schweiger brachte der Krimi-Reihe keine Mega-Quoten als Kommissar Tschiller. Auch nicht durch Panzerfaust- und Helene-Fischer-Einsatz. Nach an der Publikumsfront gescheiterten Action-Blockbuster-Versuchen wird gerade an der sechsten Tschiller-Folge geschrieben: Der Haudrauf, so hört man, soll darin als gebrochene Figur gezeichnet werden. Ausstrahlung nicht vor 2020.

 

Dorn und Lessing in Weimar 

Ist das noch ein Krimi? Nora Tschirner als Kommissarin Dorn und Christian Ulmen als Kollege Lessing lassen mit lässiger Eleganz die üblichen „Tatort“-Ermittlerstanzen ins Leere laufen – und das ausgerechnet im Einflussgebiet des MDR, wo man sich früher schwer tat mit Humor und Subversion. Nach der anfänglich schleppenden Programmierung als Event-„Tatort“ ermitteln Dorn und Lessing nun zweimal im Jahr. Demnächst wird darüber verhandelt, wie es mit dem TV-Revier weitergeht. Wir hoffen auf eine lange Zukunft.

 

Borowski in Kiel 

Der Weltenwandler: Als Klaus Borowski ist Axel Milberg am besten, wenn er in Parallelkosmen von Psychopathen hinabsteigt – vielleicht weil Borowski selber nah am Wahnsinn gebaut ist. Seit 2003 dabei, stand bis 2009 sinnigerweise unter der Beobachtung einer Polizeipsychologin. Doch die Frauen kommen und gehen im Borowski-„Tatort“. Nach Maren Eggert und Sibel Kekilli hat nun die hochgehandelte türkischstämmige Schauspielerin Almila Bagriacik („4 Blocks“) die Rolle des weiblichen Sidekick übernommen.

 

Sieland, Gorniak und Schnabel in Dresden 

Lustig ging es los, unentschieden ging es weiter, ernst soll es werden. Alwara Höfels, Karin Hanczewski und Martin Brambach hatten in den ersten Folgen sehr zu kämpfen mit dem unausgegorenen Konzept des MDR. Höfels zog inzwischen die Konsequenzen und verabschiedete sich vom Dresden-„Tatort“. Ihren Part wird demnächst Cornelia Göschel übernehmen.

 

 Falke in Norddeutschland 

Für immer Punk: Wotan Wilke Möhring als Kommissar Falke hört Punk und trägt zum Schlafen wie zum Ermitteln ein fadenscheiniges Ramones-Shirt. Erst war er in Hamburg unterwegs, dann musste er Til Schweiger die Stadt überlassen und zog ins norddeutsche Umland ab, jetzt darf er wieder in Hamburg ermitteln. In der Rolle der Co-Ermittlerin agiert Franziska Weisz als Julia Grosz. Zwei Folgen im Jahr.

 

 Berg und Tobler im Schwarzwald 

Eva Löbau als Franziska Tobler und Hans-Jochen Wagner als Friedemann Berg benötigen keine Dialogfanfaren oder exotische Rollenbiografien. Sie verwerten, was dieser witterungsintensive Krimi-Schwarzwald hergibt. Ein Heimatkrimi, in dem alles lokal produziert wird: Obst, Schnaps, der Tod. Mit der dritten Folge vom Winter 2018, die zum Teil aus der Perspektive eines unter Schizophrenie leidenden Studenten gezeigt wurde, zeigte die Crew aus dem äußersten Südwesten Deutschlands, dass sie bei allem knorrigen Naturalismus auch Kopf-Kino kann.

 

Murot in Hessen 

Keine Angst vor dem Pianisten! Ob am Klavier oder am Maschinengewehr – Ulrich Tukur als Kommissar Murot ist fast immer eine Sensation. Fast immer: Die Nummer mit den Gauklern in der Zirkus-Folge „Schwindelfrei“ von 2013 war wirklich übel, dafür war die Tarantino-meets-Truffaut-Folge „Im Schmerz geboren“ 2014 ein absolutes Meistwerk der Reihe. Eine angenehme Abwechslung ist es, dabei zuzuschauen, wie sich Ulrich – Hoppla, jetzt komm ich – Tukur als LKA-Mann Felix Murot durch die Handlung singt, tanzt und musiziert. Oder eben auch mal mit der Schnellfeuerwaffe für Ordnung sorgt. Großes Thriller-Kino. Läuft, wann immer Tukur mal Lust auf einen „Tatort“-Dreh hat.

 

Lannert und Bootz in Stuttgart 

Die Geschundenen: Richy Müller als Thorsten Lannert und Felix Klare als Sebastian Bootz sind prima Kerle. Der eine mit tragischer Undercover-Ermittler-Vergangenheit, der andere als ehrenhaft gescheiterter Ehemann. Seit 2008 sind sie im Einsatz, am Anfang wurde die Fälle noch arg routiniert runtergespült. Doch die jüngsten Stuttgart-Episoden behandeln auf ästhetisch höchstem Niveau Aufregerthemen wie Stuttgart 21 und unaufgearbeitete RAF-Geschichte. Ein formvollendeter Film-Noir war der Krimi, der komplett aus der Perspektive eines Lügners erzählt war. Großes Krimi-Kino!

 

  Faber, Bönisch, Dalay und Kossik in Dortmund 

Die Kranken: Jörg Hartmann schluckt als Peter Faber reichlich Pillen und schlägt Toiletten kaputt. Anna Schudt als Kollegin Martina Bönisch steigt mehr zum Frustabbau als zum Lustgewinn mit Callboys und Staubsaugervertretern ins Bett. Aylin Tezel als Nora Dalay und Stefan Konarske als Daniel Kossik haben schon gemeinsam auf Streife und im Bett zusammen geschwitzt – würden aber niemals das L-Wort benutzen. Zwei Folgen im Jahr. Eines der wenigen TV-Reviere mit stringenter Figurenentwicklung. Die Elite des deutschen Fernsehkrimis. Stefan Konarske ist inzwischen ausgestiegen und wurde durch Rick Okon („Das Boot“) ersetzt.

 

 Boerne und Thiel in Münster 

Der Prof und der Proll: Seit 2002 ermitteln Jan Josef Liefers als Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne und Axel Prahl als Frank Thiel zwischen Keksdynastien, Kartoffelkönigen und Spargelkaisern. Der eine Snob und eng verbandelt mit der Münsteraner Honoratiorenschaft, der andere St.-Pauli-Fan und Outsider. Eine Kombination, mit der anfangs gekonnt grotesker Humor in den „Tatort“ geschmuggelt wurde, der erschöpfte sich in den letzten Jahren aber in Gag-Kanonaden. Zwei Fälle im Jahr, regelmäßig von neuen Quotenrekorden flankiert.

Das war’s.

Tatort: Die Prognose (Teil 2)
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